Niederrimsingen
seit der Jahrhundertwende
Die letzten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts waren
auch für die Gemeinde Niederrimsingen und deren Bewohner
sehr ärmliche Zeiten. Das zwischen 1880 und 1886 geführte
Bürgerbuch berichtet sogar von einigen Auswanderungen
nach den Vereinigten Staaten von Amerika. Während im
Jahre 1852 noch 633 Einwohner gezählt werden konnten,
sank diese Zahl um die Jahrhundertwende auf 390, um nach dem
Ende des Ersten Weltkrieges langsam anzusteigen; die Statistik
weist für 1933 473 Bewohner aus. Die Landwirtschaft,
von der die Leute lebten, warf nur einen spärlichen Ertrag
ab; denn der kiesige Boden mit seinem leicht durchlässigen
Untergrund trocknete stets rasch aus. Vor allem das überaus
heiße Jahr 1911 ist den älteren Leuten noch heute
als Katastrophenjahr in Erinnerung. Ein bescheidener Nebenverdienst
bot sich allein durch Gelegenheitsarbeit im Steinbruch.
Die Gemarkung Niederrimsingen setzte sich wie folgt zusammen:
240 ha Ackerland, 4 ha Gartenland, 40 ha Wiesen und sonstiges
Gründland, 70 ha Laubwald und sonstiges Gehölz,
37 ha Rebland, 58 ha Ödland und sonstige Flächen;
zusammen 49 ha. Infolge des Arbeitskräftemangels sank
die bewirtschaftete Rebfläche nach dem Ersten Weltkrieg
auf 26 ha und nach dem Zweiten Weltkrieg auf ca. 19 ha ab.
Die Gegend drohte immer mehr zu verwildern, immer mehr Bewohner
verloren Lust und Freude, in der Landwirtschaft zu arbeiten;
zu allem gesellte sich nach der Währungsreform im Jahr
1948 der Aufstieg der Industrie. Viele Landwirtssöhne
nahmen die Gelegenheit wahr und suchten notgedrungen, in der
Industrie Einkommen und Brot zu finden. Die Gemeinde selbst,
arm und auf die Beihilfe des Staates angewiesen, vermochte
zunächst nur wenig dagegen zu tun. Im Jahr 1951 baute
die Gemeinde mit Unterstützung der Oberpostdirektion
Freiburg eine Postgarage mit einem darüber liegenden
Saal, in der Hoffnung, etwas Kleinindustrie in den Ort zu
bekommen und Arbeitsplätze für Einheimische zu schaffen.
Dem guten Vorsatz blieb jedoch der Erfolg versagt. Mit einiger
Skepsis plante man dann – nach Besichtigungen rund um
den Kaiserstuhl – die erste Rebflurbereinigung im Bereich
der Gemarkung, doch scheiterte diese an der Kurzsichtigkeit
einiger uninteressierten Landwirte. Einer kleineren Bereinigungen
schlossen sich neunzehn Teilnehmer mit einer Fläche von
3,8 ha an. Doch der beherzte Anfang machte Schule, und so
kann heute gesagt werden, dass der Rebbau schließlich
die wirtschaftlichen Verhältnisse innerhalb der Gemeinde
auf eine neue Grundlage stellte.
Die Gemeinde selbst hatte vieles nachzuholen. Fast unlösbare
Probleme, wie der Bau einer zentralen Wasserversorgung, die
Anschaffung einer neuen Feuerwehrspritze (die alte stammte
aus dem Jahr 1872), die Erweiterungsbau der 1892 bis 1894
erbauten Volksschule (am 16. Dezember 1961 eingeweiht), der
Kauf eines Hauses für den Kindergarten unter Mitbeteiligung
der katholischen Pfarrgemeinde, die Erschließung von
Baugelände in Gewann Strangen, die Instandsetzung der
Ortsstraßen und Feldwege, nicht zuletzt die Errichtung
einer gebührenden Gedächtnisstätte für
die Gefallenen der beiden Weldkriege: Alle diese Vorhaben
konnten innerhalb von zehn Jahren ausgeführt werden,
freilich nur unter Mithilfe des Staates.
Die Gemeinde hatte im Jahre 1955 noch ein Steueraufkommen
– größtenteils Grundsteuer – von 16.000,00
DM. Durch die Ansiedlung von Kies- und Schotterwerken erhöhten
sich das Steueraufkommen bis zu 95.000,00 DM im Jahre 1965.
Einige Nebenbetriebe zum Schotterwerk, wie Kalksandsteinwerke,
Baustoffwerke, Fabrikationsbetrieb für Fertiggaragen
und Bitumenmischwerke sowie der Erlös von Kies und Sand
festigten die Finanzkraft der Gemeinde. Doch ist keineswegs
die Zeit gekommen, um auf dem Erreichten auszuruhen; auch
die kommenden Jahre werden noch große Probleme stellen,
ich meine u. a. den Ausbau der in Planung befindlichen Ortskanalisation,
den Bau eines neuen Kindergartens, die Erschließung
weiteren Baugeländes im Gewann Dummler nach dem bereits
genehmigten Ortsbebauungsplan. Auch die Zukunft wird von der
jeweiligen Gemeindeverwaltung Umsicht und Tatkraft erfordern.
Bedingt durch die großen Opfer beider Kriege –
über 10 Prozent der Einwohner musste die Gemeinde auf
die Verlustliste setzen -,. erlahmte das kulturelle Leben
nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst vollkommen. Durch
die dreimalige Evakuierung während des Krieges verloren
viele Sinn und Liebe zum Lied und zur Freude. Doch mit dem
wirtschaftlichen Aufstieg kehrte auch auf diesem Gebiet wieder
Leben bei uns ein. Der Männergesangverein „Liederkranz“
erstand neu, hatte er doch die meisten Mitglieder im Krieg
verloren. Der im Jahre 1930 durch verschiedene politische
Einwirkungen eingegangene Turnverein wurde durch den Allgemeinen
Sportverein ersetzt, dessen Gründung am 1. Januar
1950 erfolgte. Neu für das kulturelle Leben war die Gründung
einer Trachtengruppe
und des Musikvereins, der heutigen Trachtenkapelle.
Wir wünschen, dass all das Erreichte auf allen Gebieten,
sowohl des wirtschaftlichen wie des kulturellen Lebens, seinen
Bestand erhalten möge. In der Zukunft sollen die Bewohner
Niederrimsingens dankbar auf das Erreichte zurückschauen,
es zu behüten und zu vermehren suchen. Möge all
unsere Arbeit, sowohl in unseren Landen – nicht nur
zu unserm Wohl, sondern auch zum Wohl der zu Pfingsten 19637
hier durch ihre Musikkapellen vertreten Nationen.
Das walte Gott!